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Wann geht Feminismus zu weit?

Ich habe mich die letzten Tage sehr aufgeregt. Auslöser war der Shitstorm rund um den Astrophysiker Dr. Matt Taylor. Er war maßgeblich an der Landung der Raumsonde auf dem Asteroiden Rosetta beteiligt, der sogenannten Rosetta-Mission. Man sollte meinen, dass an einem solch besonderen Tag der Fokus auf einer geglückten Mission liegen sollte, auf die die Forscher eine Dekade hingearbeitet haben. Aber nein, die Social-Media-Welt regt sich stattdessen über das Shirt des überglücklichen Physikers Taylor auf. Japp, sein Shirt! Der Vorwurf gegen ihn: Sexismus. Zugegeben, das Hemd ist Geschmacksache. Die Diskussion um dieses Hemd artet schnell in einen Shitstorm (oder auch #shirtstorm) aus, was letztlich dazu führt, dass der selbe, zuvor euphorische Wissenschaftler zu einem späteren Interview mit tränenerstickter Stimme die Öffentlichkeit um Verzeihung bittet.

Matt Taylor

Zunächst einmal kann ich diesen Aufschrei um sein Shirt nicht im Geringsten nachvollziehen. Gut, sein Shirt mit halbnackten Cartoonfrauen ist sicherlich nicht die beste Kleiderwahl für so ein Interview gewesen. Wenn jemand meiner Meinung nach kritisiert gehört, dann die PR-Abteilung der ESA, denn sie hat ihre Arbeit, medienunbedarfte Wissenschaftler auf die Social Media Realität vorzubereiten und vor genau solchen Situationen zu schützen, nicht erledigt. Vielleicht wollten die ESA und Matt Taylor aber auch nur ein wenig Authentizität schaffen.

Kann es nicht sein, dass er dieses Shirt angezogen hat, nicht etwa um jemanden potentiell zu beleidigen, sondern weil ihm die Farben gefielen und er sich in diesem Shirt einfach gut fühlt? Oder aber noch viel simpler: er einfach keinen guten Kleidungsstil hat? Warum muss an dieser Stelle Sexismus unterstellt werden, warum soll dieses Shirt automatisch eine Botschaft transportieren? Könnte es nicht sein, dass er an jenem Tag etwas anderes im Kopf hatte als “Mh, was ziehe ich nur an?”. Es macht mich unfassbar wütend, dass eine Meute Feministinnen und politisch Überkorrekter zur Jagd gegen ihn aufruft und ihn öffentlich demütigt, sodass er beim nächsten Interview mit einer Entschuldigung beginnt, bevor er immer noch heiser die eigentlichen Fragen zur Kometenlandung beantwortet. Der größte Moment seiner Karriere wurde auf jeden Fall zerstört. Daher die für mich wichtigste Frage: Darf Feminismus soweit gehen und so eine Art von Cybermobbing betreiben?

Feminismus ist wichtig, jedoch halte ich ihn an dieser Stelle für unangebracht, respektlos und offen gestanden abartig. Klar, es muss noch viel geschehen im Punkt Gleichberechtigung: Gehältergleichheit im Sinne von “gleiches Gehalt für gleiche Arbeit”, ich wünsche mir auch mehr Frauen in Führungspositionen aber keine Quote dafür und ich würde es auch begrüßen, wenn sich mehr junge Frauen für sogenannte “Männerberufe” begeistern würden, doch jetzt kommt mein aber: Gleichberechtigung und Frauen nicht als Sexobjekte zu sehen drückt sich meines Erachtens nicht in einem Shirt aus. Würde er mir als Kollege begegnen, würde ich zumindest nicht sofort denken, dass er Frauen und somit auch mich als pure Sexobjekte sieht, vielmehr würde ich schmunzeln über seinen ausgesprochen schlechten Klamottenstil, der 13-Jährigen Teenagerjungs Konkurrenz macht. Und fragen wir uns doch mal, wo hier der Maßstab ist: Muss ein erwachsener Mann im internationalen Fernsehen aufgrund von Mobbing weinen, wegen eines Shirts, das er trug? Ich halte die Reaktionen unter dem Hashtag “Shirtstorm” für übertrieben.

Schaut man sich sein Interview an, beschreibt er die Rosetta-Mission wie folgt: “Rosetta is the sexiest mission there is, but I never said it was easy.” Daher verstehe ich sein Shirt vielmehr als ein Beispiel für die Mission, nicht aber als einen Outleash gegen Frauen.

Steht Feminismus nicht auch für Freiheit und Gleichberechtigung? Warum führen sich ebendiese Frauen aber auf wie Cyber-Bullies, die einen erwachsenen Menschen soweit mobben, dass er nur noch auf die öffentliche Entschuldigung und ein Abklingen der rücksichtslosen Anschuldigungen hoffen kann? Sollte das Recht auf Freiheit nicht auch für die Kleiderwahl eines Mannes gelten? Feminismus ist doch eine Freiheitsbewegung, aber verlangen die Feministinnen im Netz hier nicht eine Einschränkung einer elementaren Freiheit eines einzelnen Menschen?

Interessant ist übrigens auch, woher sein ausgefallenes Shirt kommt: Seine enge Freundin Elly Prizeman hat es für ihn gemacht. Die Adleraugen unter euch werden bemerkt haben, dass sie eine Frau ist. Wen interessiert, was sie neben diesen beiden Facebook-Updates noch geschrieben hat, kann das an dieser Stelle nachlesen. Schaut man sich ihr Profil an, die Tattoos von Matt Taylor, wird außerdem recht schnell klar, dass er in der Rockabilly-Szene unterwegs ist – halbnackte Frauen gehören da auf Kleidern und Shirts nahezu zum guten Ton. Ich besitze auch ein Rockabilly-Kleid mit Pin-Ups drauf, glaube aber nicht, dass mich das zu einer Gegnerin von Frauenrechten macht.

29  Elly Prizeman

29  Elly Prizeman1

Witzig ist die Theorie von Milo Yiannopoulos. Er hält die Bestrebungen der Feministinnen offensichtlich für dermaßen absurd, dass er eher davon ausgeht, dass der Aufruf zum #Shirtgate eher die Kampagne von cleveren Anti-Feministen sein kann.

Mal abgesehen davon, dass es albern ist, nach so einer epischen Mission mehr über ein banales Shirt zu sprechen, verstehe ich (als Frau) nicht, wie sich andere Frauen dermaßen angegriffen fühlen können von der Klamottenwahl eines Astrophysikers. Kann man als selbstbewusste Frau nicht mal über so etwas stehen? Der Typ ist ein Nerd, wenn auch ein cooler. Schaut ihn euch doch mal an: Trotz der Tattoos wirkt er nerdig, eins seiner Tattoos zeigt sogar die Rosetta-Landung! Man könnte ihn so, wie er ist, in die WG aus Big Bang Theory stecken!

Und solange es Frauen wie Kim Kardashian und Frauen, die zu Online-Mobbern werden, gibt, glaube ich, dass es deutlich größere Baustellen für Feministinnen überall auf der Welt gibt, den Sexismus in den Köpfen nicht nur der Männer, sondern auch in den Köpfen von Frauen abzubauen. Wie seht ihr diese Thematik?

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Svenja
Svenja Goebel brennt für Sport und Action und ist sich für keinen Quatsch zu schade. Nach langen Auslandsaufentalten hat sie in Berlin ihre Lebensmitte gefunden, wo sie auf einer babyblauen Vespa die Stadt unsicher macht. Wenn Sie nicht gerade als Community Managerin Europas größte Autocommunity im Griff hat, plant sie garantiert ihre nächste Reise oder die nächste Umgestaltung ihrer Wohnung.

3 comments

  • Ich stimme dir absolut zu. Normalerweise bin ich was Sexismus angeht sehr sensibel, aber hier habe ich den Shitstorm auch nicht wirklich verstanden. Ich finde es auch gut, dass du erwähnst, dass er wohl Rockabilly ist. Ich habe das auch ziemlich schnell erkannt und war erstaunt, dass sich anscheinend keiner mit dem Stil und Pin Ups auskennt. Ich bin zwar auch keine Expertin, aber man kann schon erkennen, dass dort mit klassischen Rollenbildern gespielt wird und dass die meisten Frauen, die diesen Stil mögen, sehr starke Frauen sind.

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    • Svenja

      Hallo Namensvetterin 😉 Danke für Deinen Kommentar. Dass die Frauen in der Rockabilly-Welt stark sind, hab ich auch schon öfter mit Freude feststellen dürfen. Wie gesagt, in Bezug auf Sexismus gibt es noch viele Baustellen, diese hier hab ich aber nicht verstanden.

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  • Pingback: Feminismus und Matt Taylors T-Shirt: Eine Gegenantwort | Glowbus

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