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Wie schlimm ist es um Alleinerziehende in Deutschland wirklich bestellt?

Mama arbeitet alias Christine Finke hat ein Buch geschrieben: “Allein, alleiner, alleinerziehend – Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt” (Lübbe).

Zumindest allein auf dem Buchmarkt ist sie mit dem Thema nicht: Eine ganze Reihe an Mütterratgebern bilden zurzeit einen ernsten Gegenpol zu der Schiene Süß-uiuik-nudell-HarperBeckham-NorthWest-GeorgeandCharlotte-Tüddel-Kids-on-Instagram und berichten über die Schattenseite des Mutterseins.

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Finkes Titel geht zwar leicht wie ein Kinderreim von der Zunge, doch sein Nachklang wiegt schwer. Er verdeutlicht das Gefühl, das viele Alleinerziehende haben: sich nicht nur allein mit der Verantwortung für die Kinder zu fühlen und im Stich gelassen vom anderen Elternteil, sondern gar von der Gesellschaft isoliert zu sein, teils auch von Rechts- und Behördensystem verraten. Frau und Mutter zu sein, in einer patriarchalischen Gesellschaft, kapitalistisch dazu, ist nicht erst seit gestern ein ein Dilemma und fühlt sich – wenn überhaupt – nur äußerlich richtig an für die wenigen, die davon im wahrsten Sinne des Wortes Profit schlagen können.

Christine Finke gehörte laut eigener Aussage einst auch dazu und hatte – wie so viele und immer mehr Frauen, da Ehe nicht mehr als lebenslange Aufgabe begriffen wird – irgendwann das böse Erwachen. Auch sie wusste hinterher mehr und versucht nun schon seit Jahren, andere Frauen über das Dilemma, was dann oft folgt, aufzuklären. Sie appelliert und sie warnt, wie einige andere, z.B. ich auf www.mamaberlin.org, mit eher mäßigem politischem Erfolg – allerdings (immerhin) mit immer mehr Beachtung.

Nicht immer fällt diese positiv aus, was verdeutlich, welch langer Weg noch vor uns liegt. Die Kritik schwangt zwischen billiger Polemik von der “Jammermutti” bis zur “Rabenmutter” oder der “Die-ist-doch-selbst-schuld”-Nummer, aber auch zu höhnischen, fast schadenfrohen Kommentaren von Männern, aber auch von Frauen, was mehr als seltsam anmutet.

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Meinungsfreiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden, jede Sache kann von zwei Seiten betrachtet werde. Doch wenn Kritik als Angriff formuliert wird und eine Mutter trifft, die sich allein mit drei Kindern am und unter dem Existenzminimum durchs Leben schlägt und einfach sagt, dass es auch anders, gerechter laufen könnte, wundere ich mich immer wieder.

Finke appelliert in ihrem Buch daher auch immer wieder an das Miteinander und bringt eine Sache deutlich auf den Punkt: Dass die mangelnden Rechte von Alleinerziehenden sicher immer auch ein persönliches Schicksal darstellen, dass inzwischen allerdings so viele Frauen, und  Kinder, von den veralteten Strukturen und dem Reformstau betroffen sind, dass es tatsächlich zu einer Sache gewachsen ist, die uns ALLE angeht, auch die verheirateten, (noch?) abgesicherten Frauen. Denn es geht um unsere Rechte als Frauen und Mütter und Kinderrechte.

Finke listet die Paradoxen auf, u.a.:

  • Gleichberechtigungsbestrebung nach einer Trennung, obwohl vorher das Ehegattensplitting genau das verhindern sollte und steuerlich belohnt, wenn einer viel verdient, der andere Elternteil zu Hause ist und kein oder wenn, dann nur wenig Einkommen hat.
  • Die große Not der Frauen, denen gesagt wird, sie können ab dem dritten Lebensjahr des jüngsten Kindes wieder Vollzeit arbeiten und damit den Unterhaltsanspruch verlieren, obwohl eine Kinderbetreuung in Deutschland bei weitem nicht im ausreichenden Maße vorhanden ist.
  • Die Trennung von Rechten und Pflichten der Eltern, die keinerlei Unterhalt zahlen oder den Umgang ständig ausfallen lassen, gleichsam aber das gemeinsame Sorgerecht behalten und damit zu einem ständigen Unsicherheitsfaktor und Belastung werden.
  • Die ungleiche Besteuerung von Alleinerziehenden Berufstätigen, die Job und Kindererziehung alleine wuppen müssen, aber schlechter besteuert werden als ihre besser gestellten, verheirateten Familienpendants …
  • Die wachsende Armut von Frauen im Alter: Sie erziehen Kinder, arbeiten in Teilzeit und erwerben so nur geringe Rentenansprüche. Liegt der Lohnunterschied bei 22 Prozent, haben Frauen im Schnitt 64 Prozent weniger Rente. Zu wenig, um davon zu leben.

Im Kern geht es daher nicht um das Bedauern der eigenen Lebensumstände, sondern um die Gestaltung von Gesellschaft, einer guten Gesellschaft, in der es gerecht zugeht, um ein intelligentes, demokratisches Miteinander.

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Finke setzt damit einen Gegenpol zu dem einfach strukturierten, wenn auch weit verbreiteten Besitzstandsdenken, das in erster Linie darauf abzielt, sich selbst hervorzutun. Dass so ein Dasein aber weitab von einer echten Gemeinschaft und einer aufgeklärten, sich auch für die Belange anderer interessierenden Gesellschaft liegt, ist ein Dilemma. Die Ignoranz der Bessergestellten geht damit auf Kosten der gesellschaftlichen Außenseiter, doch, so Finke, das müsste nicht sein.

Doch warum halten wir eigentlich fest an den traditionellen Konventionen? Geht es um Kontrolle, Normschaffung, Strukturen, Hierarchien, um eine organisierte, eine reglementierte Gesellschaft? Sind wir denn im Großen damit zufrieden? Finke sagt nein und meint, wir könnten es besser. Die Gleichstellung der verschiedenen Familienmodelle wäre ein Schritt.

In Artikel 6 unseres Grundgesetzes, das 1949 in sehr konservativen Zeiten unter der Zustimmung der Alliierten beschlossen wurde, wird die Ehe unter Schutz des Staates gestellt. Das deutsche Grundgesetz zu ändern ist nicht, oder sagen wir, so gut wie nicht möglich. Aber vielleicht gibt es eines fernen Tages, die Möglichkeit “Ehe” durch das Wort “Liebe” zu ersetzen …

Dies ist ein Beitrag von Verena Schulemann. Sie schreibt für diverse deutsche Medien und bloggt unter http://mamaberlin.org.

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