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Weil Komplimente jeden Tag verschönern…

Rosa

via

“Wow, du hast schöne Augen!”

“Dein Lachen steckt an!”

“Gute Arbeit!”

Wann hat euch jemand zuletzt ein Kompliment gemacht? Was für ein Kompliment war das? Sich ad hoc an liebe Worte von Freunden oder der Familie zu erinnern, ist manchmal gar nicht so leicht. Was aber sicherlich einen großen Eindruck hinterlässt, ist, wenn ein wildfremder Mensch auf einen zukommt und etwas nettes sagt. Genau das macht Rosa, die mit ihrem Blog “A Compliment A Day” derzeit für Wirbel sorgt.

Damit es ihr nicht geht, wie den meisten von uns, nämlich Komplimente zu vergessen, dokumentiert sie jedes Kompliment, das sie einem Menschen gemacht hat, knipst ein Bild und hält zum einen fest, wie sie sich dabei fühlte, als sie das Kompliment machte und wie ihr Gegenüber reagierte. Wir fanden ihre Idee so wunderschön, dass wir einfach mit Rosa sprechen mussten.

Hallo Rosa! Schön, dass Du Dir für uns Zeit nimmst. Gerade ist ja ordentlich Rummel um Dich und Deinen Blog, denn wie es scheint gehören gezielte Nettigkeiten nicht zum Alltag. Hast Du vorher mit Deinen Freunden über Deine Idee gesprochen und wie war ihre Reaktion?

Tatsächlich habe ich mit niemandem darüber gesprochen. Ich lag eines Tages kränkelnd im Bett und hab die Erlebnisse aus Paris, San Francisco und Deutschland Revue passieren lassen. Irgendwann dachte ich: Daraus spinne ich was. Das könnte ein schönes Projekt ergeben. Ich wurde plötzlich ganz aufgeregt, habe mich aufgesetzt und gefühlt: Ich muss das jetzt machen. Also hab ich meinen Laptop geschnappt, alles, was in meinem Kopf war, in die Tastatur gehämmert, und freie Blogplattformen ergoogelt. Und los ging’s…

Hast Du vorher Bedenken gehabt?

Neben bestätigenden Reaktionen gab es viele Bekannte, die meinem Enthusiasmus mit einem “ääähm… Okay… Wenn du meinst.” begegnet sind. Ein “Na dann mach mal…?” war auch O-ton meiner Familie. Was daran so besonders ist und ob das wirklich notwendig sei, hat manch einer gefragt. Das Schöne: Die meisten, die solche Fragen aufgeworfen haben, und dann in Blog geguckt haben, haben danach gesagt: “Ja. Das ist toll, weil du es so machst, wie du es machst. Deine Texte sind aufrichtig und berührend.” Das hat mich wahnsinnig gefreut, und tut es immer noch. Jedes Mal, wenn mir jemand sagt oder schreibt, dass er das gut findet und gern liest, geht ein kleines Feuerwerk in mir los- denn am Ende mache ich das Projekt für mich und um des Projekts willen. Dass dann aber Menschen davon zehren, das ist ein unglaubliches Geschenk für mich. Und dass Leuten gefällt, wie ich schreibe – das ist das allergrößte Kompliment.

Die einzigen großen Bedenken, die es zu Beginn gab, kamen von meiner besten Freundin. Für sie fühlte sich das komisch an, was ich da mache: Sie fand, ein Kompliment gehört zwischen die beiden Personen, und nicht in die Öffentlichkeit. Zweifellos hat sie einen Punkt! Auf jeden Fall. Trotzdem mache ich das Projekt begeistert weiter, denn ich liebe schreiben und bekomme Rückmeldungen, dass andere Menschen die Aktion inspirierend finden. Und allein dafür lohnt es sich schon, das öffentlich zu machen. Das Teilen macht, so finde ich, die Komplimente nicht weniger aufrichtig, denn die einzige Regel bleibt: Das Kompliment muss ehrlich sein. Es ist ein Selbstzweck. Das Schreiben kommt erst danach.

War es am Anfang schwer auf Fremde zuzugehen und ihnen ein Kompliment zu machen?

Auf jeden Fall! Am Anfang war die Überwindung groß. Ich geh zwar gern auf Menschen zu, bin aber auch unsicher. Das ist auch immer noch manchmal so, es ist ja nicht jeden Tag alles Wölkchen und Sonnenschein im Leben. Manchmal muss ich mich auch etwas konzentrieren, etwas Schönes wahrzunehmen und dann ist es auch mehr innerer Aufwand, wenn ich auf die Leute zugebe. Aber: Das lohnt sich, jedes Mal. In dem halben Jahr gab es nur 4,5 Tage an denen ich gemerkt hab: Heute geht es einfach nicht. Heute brauche ich meine Ruhe. Das dann auch zuzulassen, hat gut getan. Meine eigenen Grenzen zu respektieren und authentisch zu bleiben. Aber wenn ich nur keinen Bock habe (statt nicht zu können), dann mache ich es trotzdem. Und, immer wieder gibt es mir unheimlich viel zurück, rauszugehen und etwas Schönes zu suchen! Ausnahmslos.

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Wie reagieren die Menschen, denen Du ein Kompliment gemacht hast, wenn Du Ihnen von Deinem Projekt erzählst?

Mittlerweile erzähle ich Ihnen immer zuerst von meinem Projekt. Ich komme und sage: “Hallo, ich mache gerade ein Projekt …” Dann erklär ich das Ganze in einem Satz und, dass die angesprochene Person heute mein Kandidat ist. Das mache ich bei den Menschen, für die ich mir Zeit nehme und denen ich richtig begegnen will. Den meisten fällt es dann leichter, das anzunehmen, weil sie einordnen können, wo das herkommt. Die Offenheit ist dann größer. Wenn ich im Vorbeigehen Komplimente mache oder ohne an das Projekt zu denken, dann erzähle ich auch nicht von dem Blog.

Hast Du manchmal den Eindruck, dass Dein Kompliment als weniger „ehrlich“ eingestuft wird, wenn Du von Deinem Blog erzählst?

Bis jetzt noch nie. Ich denke, das liegt daran, dass es mir in dem Moment 100 % um das Kompliment selbst geht. Ich versuche, mich in der Situation ganz auf den Menschen einzulassen. Bislang habe ich die Erfahrung gemacht, dass der andere das auch spürt.

Was glaubst oder hoffst Du, bleibt bei den Menschen zurück, denen Du ein Kompliment gemacht hast?

Toll wäre: Eine schöne Erinnerung. Ein Wohlgefühl. Vielleicht ein bisschen Vertrauen, vor allem aber: Der Gedanke, dass irgendwer da draußen irgendetwas – was auch immer das war, das ich komplimentiert habe – so toll findet, dass sie das Bedürfnis hatte, das zu komplimentieren. Bis jetzt ist das, zu meiner Freude, auch in etwa das Feedback. Oft höre ich im Nachhinein, dass unsere Begegnung inspirierend für die Person war. Auch das ist natürlich schön, denn es geht mir genauso.

Besonders Deine Geschichte mit dem Fahrkartenkontrolleur hat mich nachdenklich gestimmt, weil Du ziemlich kritisch Dir selbst gegenüber bist und unser tägliches Miteinander ein wenig auf den Prüfstand stellst (z.B. ein wenig verächtlich gegenüber Kontrolleuren zu sein). Was für eine Veränderung hast Du denn an Dir selbst beobachten können, seit Du mit dem Komplimenten angefangen hast?

 

Für mich hat sich ganz viel geändert. Ich habe Erfahrungen gesammelt und wahnsinnig viel gelernt. Über mich, meine Unsicherheiten und Ängste im Kontakt mit anderen aber auch meine Stärken. Über unsere Kultur. Und all die Begegnungen, die mich berührt und zum Nachdenken angeregt haben, die haben mich natürlich auch verändert. Ich schaue heute anders auf die Welt als vor einem halben Jahr. Weil fast jeder, mit dem ich in’s Gespräch komme nach dem Kompliment, mir eine Geschichte erzählt. Ich lerne fremde Perspektiven kennen und das ist, glaube ich, eine der wertvollsten Sachen überhaupt. Außerdem habe ich mir ein Gefühl einkonditioniert: Dass auf Fremde zugehen und ihnen etwas freundliches sagen ziemlich sicher gut geht. Selbst in Deutschland! Das gibt mir Sicherheit und macht das Komplimente verteilen viel leichter. Ein Rest Unsicherheit bleibt. Aber das macht die Sache ja auch spannend. Trotzdem gehe ich heute mit einem sicheren Grundgefühl auf Menschen zu.

Welche Deiner Begegnungen hat Dich am meisten berührt?

Da gibt es zwei. Einmal der Martin, der Obdachlose, dem ich ein Kompliment für sein Berlinerisch und sein Lächeln gemacht habe. Er hat daraufhin angefangen, zu weinen und gesagt, dass ihm so eine Wertschätzung hilft, weiterzukämpfen. Da war ich sprachlos. Ein paar nette Worte, und so eine Wirkung! Das war unglaublich für mich. Das andere war meine kleine Schwester, an Weihnachten. In dem Post dazu habe ich geschrieben: Fremden ein Kompliment zu machen ist schwierig, weil man sie nicht kennt. Der Familie ein Kompliment zu machen ist schwierig, weil man sie kennt. Da kommen Erwartungen, Enttäuschungen, jahrelange Geschichten mit in’s Bild, die es mit Fremden nicht gibt. Am 24. wollte ich etwas besonderes für das Projekt machen, also habe ich mir meine kleine Schwester ausgesucht. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, in dem ich alle Sachen an ihr aufgezählt habe, die ich toll finde. Punkt eins war etwas, auf das ich normalerweise nicht gerade erfreut reagiere: Dass sie immer sagt, was sie denkt, egal, wie der andere antwortet. Auch wenn es unbequem ist. Und dann ging’s weiter, dass ich sie schlau finde und wunderschön und witzig und noch vieles andere. Weil sie meine Schrift nicht lesen konnte, habe ich ihr unter’m Baum vorgelesen, was da stand. Ich war ganz ruhig. Und meine Schwester, mittlerweile einen Kopf größer als ich und längst nicht so nah am Wasser gebaut wie ich, saß auf einmal weinend auf meinem Schoß. Selbst meine Mutter hat geweint! Das kommt nicht oft vor. Seit Jahren war das das besonderste Weihnachten für mich.

Was ist die größte Überraschung für Dich gewesen, seit Du Deinen Blog gestartet hast und was hast Du bisher gelernt?

Dass ich noch keine einzige abweisende oder harsche Reaktion von einem Kandidaten bekommen habe! Bislang sind das locker 1100 Komplimente und 152 dokumentierte – und sie alle waren, auf ihre eigene Art, spannende oder schöne Begegnungen. Mit dieser Quote hätte ich nie gerechnet. Und: Dass das Medieninteresse so groß ist. Das ist für mich eine Riesenüberraschung aus der ich unheimlich viel lerne. Ich habe jetzt eine Idee, wie Radio funktioniert und wie es im Fernsehen zugeht. Was Tagespresse von Magazinen unterscheidet und wie die Stimmung in manchen Redaktionen so ist. Davon hatte ich vorher überhaupt keine Ahnung. Plötzlich beantworte ich Presseanfragen und sitze in Fernsehmasken! Das ist für mich eine komplett neue Welt und ich bin dankbar für alles, was ich da lerne – im Positiven wie im Negativen.

Natürlich bleibt auch die Kritik nicht aus bei all der Aufmerksamkeit. Manche sind empört und fragen, was das alles in der Presse soll. Diese Kritik zu lesen fällt mir noch immer nicht ganz leicht, weil ich so viel Herz in dieses Projekt stecke, so viel von meiner Persönlichkeit. Auf der anderen Seite kann ich es aber auch verstehen, da manche Kritik nicht mir, sondern vielmehr der Gesellschaft gilt: Wie kann es sein, dass jemand, der “nur” Komplimente macht, so viel Aufmerksamkeit bekommt? Ich hab mir schon überlegt zu schreiben, dass ich so viel Aufmerksamkeit gar nicht verdiene, da es so viele große Probleme in der Welt gibt, um die Verhältnismäßigkeiten wiederherzustellen. Zum Glück habe ich Freunde, die mir den Rücken stärken: “Es gibt so viel Schrott, über den berichtet wird und du machst etwas Gutes.” Deswegen bin ich so dankbar für meine Freunde, die hinter mir stehen und das alles mit mir tragen, die sich mit mir freuen und mich in kurzen Phasen der Unsicherheiten wieder stark machen. Und darüber freu ich mich wahnsinnig.
Liebe
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Was war das schönste Kompliment, das dir gemacht wurde?

Ich liebe dich, weil das alles einschließt: Ich akzeptiere dich so, wie du bist, mit allem, was dazu gehört, auch den Dingen, die mich manchmal an dir nerven und die ich manchmal nicht so toll an dir finde. Das ist ein unglaubliches Gefühl.

Hast Du einen Leitsatz, der Dich durch das tägliche Leben begleitet?

Oooooh eine Milliarde, mindestens, wenn nicht noch mehr… Ich liebe Gedichte, sie sind voller schlauer Sätze. Mmmh das ist echt schwierig. Liebe! Lass dich lieben und liebe. Daran versuche ich mich selbst immer wieder zu erinnern. Mit geht es in meinem Leben vor allem darum authentisch zu sein, ehrlich sein und einen liebevollen Bezug zu sich selbst zu haben und zu anderen zu finden. Ich gebe mir Mühe, jeden in seiner Einzigartigkeit zu sehen, zu akzeptieren und wertzuschätzen – inklusive mir selber.

Was passiert, wenn die 365 Tage “A Compliment A Day” vorbei sind? 

Ich werde mich riesig freuen und fasziniert auf alles zurückblicken werde, was ich erlebt habe. Dann werde ich stolz darauf sein, dass ich dabei geblieben bin. Als nächstes werde ich mir alles nochmal durchlesen und das Jahr nochmal erleben. Das ein oder andere Tränchen wird sicher auch fließen. Vieles wird Erinnerungen an das wecken, was in meinem Leben so passiert ist. Gerade bei dem, was gerade alles passiert, nimmt man den Liebeskummer, Streit, Versöhnung, Umzüge, nur im Vorbeimarschieren wahr.

Dann wäre es mein Traum, das Ganze zu einem Buch zu machen, was natürlich bedeuten würde, alle Texte noch einmal zu redigieren, noch einmal durchzugehen. Das wäre tatsächlich einer meiner größten Träume.

Was auf jeden Fall passieren soll, weil es auch in meiner Hand liegt, ist eine Compliment-Collection: Von der ganzen Welt, von ganz verschiedenen Leuten auf ihrer Sprache, auf ihre Weise, Komplimente sammeln, egal ob sie eins gegeben oder bekommen haben – auf die selbe Art wie ich es gemacht habe mit den fünf Fragen. Das Kompliment soll bei all den verschiedenen Personen, bei den ganzen verschiedenen Leben der rote Faden sein, der sie verbindet.

Und dann gibt es noch eine Sache, auf die ich so richtig Bock hab, die ich auf jeden Fall machen werde, die verrate ich aber noch nicht.

 

Wenn Du jemandem einen Ratschlag geben könntest, welchen würdest Du geben? 

Oh wow, ich glaube, du bist der erste Mensch, der mich das fragt. Das ist ein cooles Gefühl! Binde dir die Schuhe zu, wenn du Schuhe mit Schnürsenkeln trägst… Wenn Du bei rot über die Straße gehst, schau, dass kein Auto kommt… Scherz beseite. Was Komplimente angeht, kann ich nur raten “Kopf aus, Herz an, Bauch an und einfach machen”. Überdenk nicht alles, sondern folge deinem Bauchgefühl, das kommt beim Gegenüber an. Wann man selbst ein Kompliment geben kann und dass es beim anderen gut ankommt, ist eine Frage des Timings. Sollte das Timing aber mal nicht stimmen und dein Gegenüber komisch reagieren, nimm es nicht persönlich. Das ist eine Lektion, die ich auch immer noch lerne, Dinge nicht persönlich zu nehmen.

Danke Rosa, für Deinen inspirierenden Blog, der mir jeden Tag ein Lächeln auf das Gesicht zaubert. Schön, dass Du Komplimente und die schönen Dinge im Leben in den Mittelpunkt rückst und jeden daran teilhaben lässt.

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