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Vereinbarkeitsopfer, die sich lohnen

klein_fickefuchs_foto_oliver_rath_CU9A7527…mit dem Kamermann Ferhat Yunus Topraklar  © Oliver Rath

Meine letzten Monate waren nervenaufreibend, spannend und ungeahnt vielseitig. Ich habe geschrieben, verhandelt, Brötchen geschmiert, Leute angestellt, Unfälle gemeldet, große Datenmengen beaufsichtigt, unendliche Verträge paraphiert, Kleiderstangen bestückt, zugehört, im Puff geputzt, ein Crowdfunding gestartet, unglaublich viel Geld ausgegeben, den Balkan bereist, meine Kinder zu wenig gesehen, teilweise nur 4 Stunden pro Nacht im Büro geschlafen, Fragen beantwortet, auf die ich noch keine Antwort hatte, fremde Menschen dazu bewegt ihr letztes Hemd zu geben… Und das alles nur, um meinen ersten Kinofilm zu produzieren. Den Fikkefuchs.

Jetzt, wo die Dreharbeiten geschafft sind, und uns die ganze Abwicklung, der Schnitt und die Postproduktion auf Trab halten, werden die Arbeitstage wieder normaler und enden vor der tiefen Dunkelheit. Eine gute Zeit ein paar Dinge Revue passieren zu lassen und zu überlegen, was sich besser machen ließe. Im Besondern auch für mich als Frau und Mutter.

Ein solches Projekt stellt eine enorme Belastung für eine Familie dar, vor allem, wenn es ein richtiger Independentfilm ist, bei dem erst einmal keiner was verdient. Als Mutter zahlt man da natürlich enorm drauf, denn ständig benötigt man Babysitter und die kosten viel Geld. Zum Glück unterstützten meine Großeltern und meine Mutter uns tatkräftig und boten den Kindern zeitweise einen schönen Urlaub und bestmögliche Beaufsichtigung.

kleinfickefuchs_foto_oliver_rath_CU9A6873bsEindrücke vom Dreh © Oliver Rath

Aber Geld alleine reicht nicht. Selbst ein durchfinanziertes Großprojekt, das ein ordentliches Gehalt verspricht sorgt für familiäre Mangelerscheinungen. Denn eines ist immer unabdingbar: Man muss sehr viel Zeit investieren. Nun ist es gut, dass wir zu zweit sind und dass wir die Kinder auch mal mit ins Büro nehmen können, dass in meiner eigenen Firma keine Präsenzkultur herrscht und dass ein krankes Kind, dann auch mal neben mir auf dem Sofa liegen kann. In der Realität rief ich dann doch oftmals den Babysitter an, weil man einfach Ruhe braucht um konzentriert zu arbeiten. Weil alle 5 Minuten das Telefon klingelt und man ja auch Außer-Haus-Termine hat.

Termine hatte ich meistens mit möglichen Geldgebern, Medienanwälten, Verleih-Einkäufern, beratenden Produzenten, Förderanstalten, Postproduktionshäusern, etc. In neun von zehn Fällen fand ich mich dabei an einem Konferenztisch mit Herren zwischen 35 und 55 wieder. Als einzige Frau. Auch unter den Ko-Produzenten unseres Films befanden sich außer mir nur noch drei Männer, die mindestens 12 Jahre älter sind, als ich. Da war sie die ‚old-white-man-Realität’. Aber Vorsicht…ich sitze jetzt mit Euch am Tisch…

Wie schon beim letzten Projekt versuchte ich wieder viele Frauen ins Team zu holen. Von der Produktionsleiterin, über die Regieassistentin und die Cutterin bis hin zur Kameraassistentin, gab es viele weiblich besetzte Positionen. Bemerkenswert war jedoch: außer mir hatte nur eine einzige Kinder. Auch unter den Männern waren Kinder weitestgehend Fehlanzeige. Ein Bild, das sich mir öfter bietet. Klar, Eltern müssen Geld verdienen und haben nicht unbedingt die Nerven für solche freien Projekte. Andererseits waren die meisten von uns um die 30, immer noch eine gute Zeit um an spannenden, neuen Aufgaben zu experimentieren. Nur scheint dies mit Kindern nicht möglich zu sein. Überhaupt stelle ich fest, wie viele Medienbranchenleute ich kenne, die zwischen 30 und 50 Jahren sind und kinderlos. Ich frage mich: sind es die Arbeitszeiten? Ist es das unstete Leben? Das unregelmäßige Geld? Die Angst sich einzuschränken? Die prekären Verhältnisse auf hohem Niveau, die man nicht aufgeben möchte.

fikkefuchs-1…mit unseren Hauptdarstellern Franz Rogowski & Jan Henrik Stahlberg

Viele wollen keine Kinder. Sie haben Bock auf Kunst und Freiheit und Gedöns. (Ich übrigens auch!) Aber einige wünschen sich Nachwuchs, wissen jedoch nicht, wo sie ihn hin organisieren sollen. Familie bleibt dann eine Fatamorgana und ich habe offen gestanden keine Ahnung, was man raten könnte. Denn ich weiß, dass es mit ihnen kompliziert und entbehrungsreich, suboptimal und anstrengend ist. Tränen, Schweiß und immer wieder die Frage: lohnt sich das?

Im Endeffekt bleibt wohl nur, es zu versuchen, das Risiko zu wagen, sich an den Tisch mit den Herren zu setzten, die Kinder mitzunehmen, die Firmenstrukturen aufzubrechen, die Toleranz einzufordern und seine Leistung dennoch abzurufen. Energie entsteht schließlich aus dem was man hat und das sollte wenigstens deckungsgleich sein mit dem, was man will.

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