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New York, New York – Ein Plädoyer gegen die Zeit meines Lebens

Das erste Mal habe ich mich aufgeregt, als die Stewardessen zwar ganz authentisch Trachten mit Papierhütchen, aber kein vegetarisches Essen zu bieten hatten. Das zweite Mal habe ich mich aufgeregt, als mein Bagel – getoastet, ohne alles – in fünf Plastiktüten gewickelt wurde. Und das dritte Mal, als mein Taxifahrer mich geizig nannte und wütend den kahlen Kopf schüttelte, weil ihm die zwanzig Dollar Trinkgeld in den Fußraum gefallen waren.

Das war meine erste halbe Stunde in New York.

938798_1253189064695525_1006432727_o © Sabrina Kürzinger

Seitdem bin ich acht weitere Wochen hier gewesen und habe mich regelmäßig – etwa im 0.5 Stunden Rhythmus – aufgeregt, beruhigt, durchgeatmet, gefreut. New York und ich halten gekonnt die Waage. Ich bin der Meinung, die Stadt will sicher gehen, dass ich am Ende mit keiner konkreten Meinung zurück nach Berlin fliege. Und das wäre auch total in Ordnung für mich. Ich bin überzeugte Verfechterin mittelmäßiger Verhältnisse. Mehr Durchschnittlichkeit, mehr lauwarm, mehr Graubrot. Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der 318,9 Millionen Inkognitotellerwäscher.
Das Problem ist, dass ich vor meiner Reise mit Menschen gesprochen habe.
Ich habe Freunden und Freunden von Freunden und Nicht-Freunden und Facebookfreunden erzählt, wo ich wohnen werde – Park Slope -, was ich da machen werde – arbeiten -, ihnen meine Flugnummer, meine Passnummer, das Foto auf meinem Visumsantrag und meine Reisezahnbürste gezeigt. Mal aufgeregt, mal nervös, mal phlegmatisch. Irgendwann hat das Erzählen keinen Spaß mehr gemacht, aber gemacht habe ich es trotzdem, weil man solche Sachen ja wirklich nicht besonders oft erzählen kann. Die Antwort war immer die gleiche. „Wow. New York. Big Apple. Da kann man noch was reißen. Kennst du dieses Lied über New York?*“ So in etwa. Und dann der entscheidende Satz: „Das wird die Zeit deines Lebens.“
Und da ist das Dilemma.
Ich habe nicht die Zeit meines Lebens. Und ich glaube, das ist meine Schuld. Ich habe beschlossen, dass ich die Zeit meines Lebens gerade gar nicht haben möchte. Dafür habe ich zu viel zu tun. Wenn ich fünf Tage die Woche 9 Stunden arbeite, meine Wäsche im Waschsalon wasche und dabei spanische Telenovelas gucke, wenn ich mich über die Preise von Zigaretten ärgere und mich frage, ob ich auf dem Weg von meiner Bahnstation zu meiner Haustür eine Packung Cupcakes essen kann, dann bleibt mir für die beste Zeit meines Lebens zu wenig Zeit.
Ich habe beschlossen, eine 7.5 Zeit zu haben. Dazu gehört, dass ich nicht google, ob ich gerade Diabetes bekomme, oder was ein Arztbesuch in den USA wirklich kostet. Dazu gehört, dass ich mir vorstelle, dass die Scheine in meinem Portmonee Spielgeld oder aus Esspapier sind und in Berlin in meiner Abwesenheit ein so starker Schneesturm herrscht, dass keiner meiner Freunde raus gehen und etwas anderes tun kann, als auf Netflix Serien zu gucken und sich darüber zu ärgern, dass Netflix seine VPN-Einstellungen geändert hat. Ich mache mir die Zeit schön, indem ich auf die Frage der Kassiererin „How are you?“ – „Really bad“, antwortete und anfange, bitterlich zu weinen. Ich mache mir die Zeit damit schön, dass ich nie mit einem Stadtplan herumlaufe und in großen Touristenmengen Fotos von Zäunen und Mülleimern mache und zähle, wie viele andere dann auch Fotos von Zäunen und Mülleimern machen und an meine Freunde Stockfotos von der Brooklyn Bridge bei Nacht verschicke, damit sie sicher sind, dass ich die beste Zeit meines Lebens habe. Weil man bei der besten Zeit seines Lebens auf jeden Fall bei Nacht über Brücken läuft, alles was man isst ein Sahnetopping hat und man im Disneystore mit einem Plüsch-Nemo kuschelt.

 

New-York-Time-of-my-Life© Sabrina Kürzinger

Ich habe eine ordentliche 7.5 von 10 Zeit in New York. Und auch wenn meine Freunde etwas anderes behaupten, bin ich mir sicher, dass man in New York auch eine 5 von 10 oder 2 von 10 Zeit haben kann. Ich bin mir sogar sicher, das ich einmal jemanden gesehen habe, der beim mit der U- Bahn über die Brücke fahren nicht mal ein bisschen gelächelt hat.

Ich habe beschlossen, ich hebe mir die beste Zeit meines Lebens für die Stadt auf, in der ich dauerhaft lebe. Da kriege ich unterm Strich mehr für mein Geld. Gleich mal plus minus sechzig Jahre mehr Zeit meines Lebens. Ganz pragmatisch und emotionslos der bessere Deal.

 

>> Wikipedialiste aller Lieder über New York

 

Die Autorin Emily Grunert, lebt und schreibt eigentlich in Berlin. Überbordender Hedonismus hat sie aus ihrer Wahlheimat und nach New York getrieben. Als klassische Mittzwanzigerin weiß sie nicht so genau, was sie eigentlich tut, sie hat noch keine Jobbezeichnung gefunden, die passt, aber ein Teil dieses Jobs ist es, ein Buch zu schreiben.

 

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