hits counter

Feminismus und Matt Taylors T-Shirt: Eine Gegenantwort

Wir bei Glowbus sind ja zu viert. Vier Frauen, vier Köpfe mit vier Meinungen. Meist sind wir uns einig, aber manchmal -Überraschung!- auch nicht. Deshalb hier eine Gegenantwort von Elina auf Svenjas Post.

Ich muss ehrlich zugeben, die Auf-dem-Komet-Landung nicht richtig verfolgt zu haben, und auch erst im Nachhinein verstanden, warum das etwas besonderes war. Nun gut, als sich mein tumblr Feed dann langsam mit #shirtgate Memes füllte, schüttelte ich den Kopf und dachte mir, „Idiot.“ Vielleicht noch, „Wie kann man so dämlich sein?“ und „Wo war die verdammte Öffentlichkeitsberatung der ESA?“ Ich fand es gut, dass er sich dann wohl im Laufe des Nachmittags umgezogen hat und sich auch entschuldigt hat. Für mich war die Sache damit erledigt, bis mir Svenja eine andere Sichtweise näher gebracht hat – was ich grundsätzlich immer begrüße und auch länger drüber nachgedacht hab.

Aber. Als #gamergate auf dem Gipfel angekommen war, hat Anita Sarkeesian Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhalten, Dr. Matt Taylor wurde lediglich wegen seines Hemdes kritisiert, in meist witzigen Twitter Memes. Das Internet ist ein böser großer Raum, voll von Menschen, die sich stark fühlen, weil sie semi-anonym rumnölen und beleidigen können. Das ist nicht nett. Dem sollte man sich aber bewusst sein, bevor man vor eine Kamera tritt, und weiß, dass zig Millionen Menschen zugucken werden. Die Tätowierungen sind super, sein Stil ist sicherlich in der Rockabilly Szene weit verbreitet und akzeptiert, und dass er ein flippiger Nerd ist, ist doch großartig! Doch selbst in der Big Bang Theory ziehen sich die Jungs einen Anzug an, wenn sie wissen, dass sie in der Öffentlichkeit stehen werden –auch wenn er aus Cord ist. Ich wünschte, Penny wäre mit Dr. Taylor shoppen gegangen. Das Thema Big Bang Theory und Sexismus wird an dieser Stelle übrigens großartig auseinander genommen.

Gerade weil man jemand ist, der seine Persönlichkeit durch Kleidung ausdrückt, kann ich dieses Hemd nicht als Fauxpas hinnehmen, sondern als bewusste Entscheidung, die morgens vorm Spiegel getroffen wurde. In welchem Universum (pun intended) er geglaubt hat, dass niemand auf sein so auffälliges Outfit achten würde, ist mir schleierhaft. Ich hatte letzten Sommer die Ehre, Jérôme Boateng für einen Anti-Diskriminierungsfilm zu interviewen. Die Zielgruppe dieser Doku war auf 8-14 Jahre festgesetzt. Er wusste das. Sein Berater wusste das. Beide wussten, dass er für dieses Interview gefilmt werden würde. Er erschien in einem grauen Pulli, der eine nackte Frau in einer eindeutigen Bondage Porno Szene zeigte. Ihm war es aber nicht mal bewusst, was er da trug. Wahrscheinlich hat er in eine Kiste mit gesponserten Klamotten gegriffen und irgend etwas rausgezogen. Beide Geschichten zeugen von unglaublicher Dämlichkeit, aber der Astrophysiker hat eine bewusste Entscheidung getroffen.

B2VYAyaIAAAFeOR

There, fixed it!

Ich erwarte in wenigen Wochen (Tagen) mein erstes Kind, eine Tochter, und die Spielzeugkataloge und Geschenke, die uns zur Zeit gemacht werden sind teilweise stark sexistisch. Inzwischen sind Spielzeugkataloge nach Jungen und Mädchen sortiert, nach rosa und blau, nach backen und bauen, nach Prinzessin und Pirat. Das nervt. Es nervt, dass meine noch nicht geborene Tochter mit pinkem und rosa Scheiß überhäuft wird, bevor sie das überhaupt selbst verlangen kann. Während ich genau weiß, wäre sie ein Junge geworden, sie keine kleinen Püppchen und schleifenbesetzten Schühchen bekommen hätte.

Auch Bastelkleber ist heutzutage für Jungen und Mädchen getrennt zu vermarkten!

Auch Bastelkleber ist heutzutage für Jungen und Mädchen getrennt zu vermarkten!

BxzgtbgCcAANn1q

Mädchen und Jungen können nicht mal mehr die gleichen Rechenübungen machen. Ich dachte Mädchen können gar nicht rechnen?

Vor ein paar Wochen habe ich meiner Tochter ein an sich cooles Buch auf dem Flohmarkt gekauft: „1000 Wörter und Bilder – Ein Lese-, Lern- und Spielbuch“. 36 Berufe werden darin vorgestellt. 6 davon waren mit einer kleinen Frau illustriert, 30 mit kleinen Männern. Die Männer sind Wissenschaftler, Polizisten, Politiker, Dirigenten. Die Frauen sind Krankenschwestern, Kellnerinnen, Kassiererinnen, Friseusen, Floristinnen und Schauspielerinnen. Das Buch ist von 1990. Zur gleichen Zeit als sich Dr. Taylor in London seinem Studium widmete.

Nicht, dass Kinderliteratur 2014 um Meilen besser wäre. Erst letzte Woche hat uns “Feminist Hacker Barbie” zeigen müssen, wie man mit der Hilfe des Internets ein Buch verbessern kann. In der ursprünglichen Version möchte Barbie eine Computerprogrammiererin werden, schafft das aber nur mit der Hilfe ihrer zwei männlichen Freunde. Eigentlich so gar nicht Barbie, denn schließlich war sie schon im All, studierte Medizin und war auch einmal auf dem Weg ins Oval Office. Casey Fiesler, selbst Doktorandin in einem Computerprogramm, hat das Ganze mal schön zusammengefasst und dann eine verbesserte Version rausgebracht. Oder hier zum Thema Online-Gaming für Kinder im deutschsprachigen Raum.

fairusebarbie

20130129_125139-500x375

Was ich sagen möchte ist, dass Feminismus gar nicht zu weit gehen kann, weil es noch gar nicht weit genug gegangen ist. Und dass mir das jeden Tag mehr bewusst wird, seitdem Menschen mir erklären und versichern, wie Mädchen denn auf jeden Fall sind und sein werden. Lustig daran ist, dass ich auch ein Mädchen war. Das zählt dann aber nicht wenn wildfremde Männer mir erklären, dass ich mich glücklich schätzen sollte, weil Mädchen so ruhig und lieb sind, und Jungs nichts dafür können, dass sie so wild und ungezähmt sind. „Boys will be Boys“, jaja. Und deshalb hat meine Alma Mater, die University of Virginia, gerade den dicksten Vergewaltigungsskandal in der Geschichte von Fratparties an der Backe kleben. Danke nochmal, Rolling Stone, dass sich auch die ehrwürdige UVA mal mit ihren Problemen beschäftigt.

Männer können (und tun das auch) geschmacklose Klamotten tragen, so viel sie wollen, sie sollten sich allerdings bewusst sein, dass ein Interview am vielleicht wichtigsten Tag ihres Lebens ein weniger beleidigerendes Outfit erfordern würde. Und es ist beleidigend. Solange ich in der „Mädchenabteilung“ von Toys’r’us nach nicht-pinkem Werkzeug, Chemielaborkästen und Puppen suchen muss, solange finde ich es großartig, wenn Frauen ihre Fresse nie, nicht einmal, und nicht bei den kleinsten Ungerechtigkeiten halten. #notallmen, #boyswillbeboys und „der arme Mann“ ist Bullshit. Niemand will Männer fertig machen, und niemand will eine weibliche Weltherrschaft, ich will ein ausgeglichenes Weltbild, in denen wir uns über solche Hemden nicht aufregen müssten, weil sie eben nichts anderes wären, als ein flippiger Ausdruck schlechten Geschmacks.

Sind sie aber nicht. Frauen studieren kaum Naturwissenschaften, gehen nicht in die Führungsetagen, kriegen die dicken Professuren nicht, und dürfen sich dazu dann auch noch mit ihren lustigen Arbeitskollegen rumschlagen, die solche Shirts im Büro oder im Labor tragen. Warum Feministinnen sich immer über jeden Scheiß aufregen müssen? Weil jeder Scheiß immer auch Ausdruck eines viel größeren Problems ist.

 

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Author

Elina
Elina Penner kann drei Kontinente irgendwie ihre Heimat nennen und weiß seit ihrem Studium der Politikwissenschaft und Amerikanistik, dass sie einen Migrationshintergund hat. Nach Abstechern im Social Entrepreneurship, Fußball-Journalismus und der Markenberatung hat sie jetzt beschlossen, wieder mehr zu schreiben und spontan (vielleicht) ihren Doktor zu machen (und ein Kind).

One comment

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *